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  • Sascha Nikolas Berger

Erntedank 2020


Entedank. In drei Tagen ist es wieder soweit. Uns schmilzt im wahrsten Sinne des Wortes seit Jahren die Arktis unter dem Hintern weg; mit Folgen die wir mathematisch, physisch und faktisch klar belegen können, aber es interessiert uns offenbar nicht wirklich. Wir fahren weiterhin mit unseren brennstoffbetriebenen Fahrzeugen wie die Wilden, Fliegen kann gar nicht billig genug sein, Kreuzfahrten zum Schnäppchenpreis, der Strom kommt ja eh billig und ständig ins Haus. Fossile Brennstoffe sind doch anscheinend da, was interessiert mich denn mein Verbrauch. Wir legen brav Obst und Gemüse vor den Altar und sagen Dank. Konsum an allen Ecken und Kanten. Jedes Jahr ein neues Smartphone, Kleidung für den Preis eines Apfel und Eies, kiloweise Lebensmittel im Supermarkt, die selbst der erfahrenste Kleingärtner nicht zu dem Preis selber anbauen könnte. Nahrung an jeder Straßenecke, von "Mannis Imbissbude" bis "Chinaparadies Lotus", einfach zugreifen, am besten noch im vorbeigehen, so wie beim Kaffee, den es ebenfalls an jeder Ecke gibt. Fast schon wie im beschriebenen Schlaraffenland. Alles ist immer und überall verfügbar.

Wir legen brav Obst und Gemüse vor den Altar und sagen Dank. Zwei Tablets daheim, zwei Rechner noch dazu, ebenso diverse Smartphones und auch der Fernseher ist mittlerweile ein ganz smarter, verbunden mit der Welt in Sekunden. Zugang zu allen Informationen der Welt in Mikrosekunden. Netflix, Prime und Konsorten, die alltagsgestresste Seele braucht ja auch etwas zur Entspannung. Derweil verstaubt das häufig zur Dekoration verkommene Bücherregal und mit ihm die Phantasie. Ein Dach über dem Kopf, trocken und warm, behütet. Ein voller Kühlschrank, Wasser zu jederzeit aus der Leitung. Wir legen brav Obst und Gemüse vor den Altar und sagen Dank. So sitzen wir also in unseren behüteten Wohlstands-Refugien und betrachten die Welt aus dem gemütlichen Sessel, sehen den Krieg, die Not und das Leid, welches oftmals auch bedingt durch unseren Wohlstand erst entstanden ist. Wir sehen, wie anderen Menschen das Heim, die Existenz, die Heimat zerbombt wird, wir sehen wie sich Menschen in der Not auf den Weg machen, um auch ein wenig „Wärme, Wohlstand und Behütet sein“ zu bekommen und auf dem Weg entweder elendig im Mittelmeer ertrinken oder aber gar an den Grenzen unseres Wohlstandsgebietes mit Waffen, Zäunen, Uniformen und Gleichgültigkeit aufgehalten werden und zum Spielball der Politik werden. Was machen wir? Ach ja, richtig, Wir legen brav Obst und Gemüse vor den Altar und sagen Dank. Und so verkümmert zunehmend unser Mitgefühl und es verbrauchen seit etlichen Jahren einige wenige die Schätze der Welt in einer derart wahnsinnigen Geschwindigkeit, während die anderen buchstäblich noch nicht einmal die Krümel vom Wohlstandskuchen abbekommen. Wir verbrauchen mehr als uns überhaupt zur Verfügung stünde; Ressourcenverbrauch der seinesgleichen sucht; Raubbau an dem Planeten, der uns und alle Generationen nach uns noch ernähren müsste. Und wir? Wir legen brav Obst und Gemüse vor den Altar und sagen Dank. Geht es uns denn bei Erntedank wahrlich nur um Obst und Gemüse? Das kann doch wahrlich und mit Sicherheit nicht alles sein. Ein gängiger Text zu Erntedank ist jener Klassiker: Jesaja 58, 7-12 „7 Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach. 9 Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt.“ Die Verse 7 und 8 stellen für mich darin die wichtigste Stelle dar. Darin geht es nicht nur um die faktische Hilfe durch Spenden von Kleidung und Nahrung.

Im Kern geht es um unseren persönlichen Erkenntnisgewinn. Wenn wir die Not und das Elend der „anderen“ begreifen, wenn ich das Schicksal der „Anderen“ meine eigene Seele berühren lasse und ihnen gegenüber mein Herz öffne, dann habe ich es verstanden. Es geht nicht nur ums körperliche Satt werden. Es geht darum, den verzweifelten Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen, ihn aus seiner Hoffnungslosigkeit zu befreien, ihn nicht der Verbitterung zu überlassen. Teilen ist so viel mehr als nur das Materielle, auch Hoffnung kann man teilen, Trost spenden allemal. Und wenn ich mein Herz und meine Seele arbeiten lasse, wenn ich wahrhaftig Hoffnung teile, dann wird es auch meiner Seele hell. Wenn wir also demnächst im Altar sinnbildlich zum Beispiel auch die Flüchtlinge in den Lagern rund ums Mittelmeer sehen, den Obdachlosen bei uns um die Ecke, die Kriegsleidenden in Aleppo, die in Armut lebenden in der eigenen Stadt, die Vertriebenen in Afghanistan, die Unterdrückten in Bangladesh die unsere günstige Kleidung nähen, die Kranken und Alten in unserer Nachbarschaft, dann sind wir dem tieferen Wesen von Erntedank vielleicht schon einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Wenn wir dann Obst und Gemüse vor den Altar legen, dann kommen wir hoffentlich von Hunger und Not zum Danken und Bitten und von dort zum Helfen und Teilen. Ach, wenn unser eigener Glaube doch nur viel größer wäre...


Foto © Sascha Nikolas Berger



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